Wenn Schalke 04 auf Borussia Dortmund trifft, dann ist das mehr als nur ein Fußballspiel – und das war es immer. Anekdoten einer Hassliebe unter Nachbarn.

Es ist schon etwas Besonderes, wenn im Spielplan eines Bundesliga-Spieltages die Vereinsnamen FC Schalke 04 und Borussia Dortmund in einer Zeile stehen. Denn das bedeutet: Revierderby! Kampf, Emotionen, kratzen, beißen, Haare ziehen! Kaum ein Spiel zweier Mannschaften in der Bundesliga elektrisiert die Massen mehr als dieses; kaum ein Derby verdient seinen Namen mehr als das der beiden Erzfeinde aus dem Kohlenpott.

Für die Bezeichnung „Hassliebe“ würde man mancherorts – vornehmlich im Raum Dortmund und Gelsenkirchen – zwar umgehend gelyncht werden; von Liebe für den Rivalen wollen nämlich die meisten Anhänger beider Klubs nichts wissen. Doch werden auch eingefleischte Fans der Schwarz-Gelben und Blau-Weißen zugeben: Auf dieses Derby freut sich einfach jeder! Sicher auch, weil sich darum nach gut hundertjähriger Tradition so manch folkloristischer Schwank dreht.

Von beschwipsten Borussen und bissigen Hunden
Zum Beispiel, dass die Spieler von Borussia Dortmund, als sie im September 1964 zur Halbzeit des Revierderbys mit 6:0 führten, den Pausentee in der Kabine durch ein paar Gläschen Sekt ersetzten. Gegen angezählte Borussen konnten die Schalker – obschon in der Halbzeit trocken geblieben – in der zweiten Halbzeit trotzdem nur zwei Tore schießen.

Die wohl berühmteste Anekdote in der Geschichte des Revierderbys ist die, als Schalkes Friedel Rausch auf Dortmunder Boden vom Blitz getroffen wurde. Blitz, das war der Name des Schäferhundes, der ihm im September 1969 beherzt in den Hintern biss, als einige Schalke-Fans nach dem Führungstreffer den Platz stürmten und die Ordner daraufhin ihre Hunde losgelassen hatten. Rausch bekam eine Tetanusspritze und spielte weiter.

Auch kursierte das Gerücht, dass Blitz in Wirklichkeit gar kein echter Wachhund war, sondern das Haustier eines Fans, der sich als angeblicher Ordner den Zutritt zum Stadion ergaunert hatte. Beim Rückspiel in Gelsenkirchen revanchierte sich dann S04-Präsident Günter Siebert, indem er – wohlgemerkt mit einem Augenzwinkern – vor dem Spiel mit einem Löwen über das Feld stolzierte, den er sich im nahe gelegenen Tierpark ausgeborgt hatte.

Von Bundesliga-Premieren und uneinholbaren Führungen
Natürlich war es auch ein Revierderby, als Jens Lehmann der Bundesliga ihr erstes Torwarttor schenkte, Elfmeter nicht mitgezählt. 1997 war das, als Borussia Dortmund im Westfalenstadion mit 2:1 führte und Schalke wenige Sekunden vor Abpfiff ein unberechtigter Eckstoß zugesprochen wurde. Lehmann verließ seinen Kasten, stürmte nach vorn und köpfte den Ausgleich in letzter Sekunde.

Gleicher Ort, elf Jahre später. Der FC Schalke führte bereits nach 54 Minuten mit 3:0 durch die Tore von Farfan, Rafinha und Westermann. Eigentlich sollte man glauben, dass das Spiel damit entschieden war. Doch die Dortmunder drehten noch mal auf und überrumpelten die verblüfften Schalker: Binnen 22 Minuten trafen Neven Subotic und zweimal Alexander Frei. Das Spiel endete 3:3. Diese Anekdote wird vor allem in BVB-Kneipen gerne zum Besten gegeben, während man auf Schalke bemüht ist, sie aus dem kollektiven Gedächtnis zu radieren.

Von Political Correctness und klaren Ansagen
Hohe Wellen schlug seinerzeit, im Jahr 2007 war das, ein Scharmützel zwischen BVB-Keeper Roman Weidenfeller und Schalkes Offensiv-Panzer Gerald Asamoah. Laut Aussage von Asamoah habe Weidenfeller ihn als „Schwarzes Schwein“ beschimpft und sich unmittelbar danach kleinlaut dafür entschuldigt. Weidenfeller leugnete den Vorfall; diverse Medien teilten mit, Weidenfeller habe nicht „Schwarzes Schwein“ gerufen, sondern eine ähnlich klingende Beleidigung. Das Ende vom Lied: Weidenfeller wurde für drei Spiele gesperrt und musste schlanke 10.000 Euro Strafe zahlen.

Ohne Geldstrafe kam der „Dortmunder Jung“ Kevin Großkreutz davon, als er nach seiner Vertragsunterzeichnung beim BVB nonchalant verkündete: „Schalker sind mein Feindbild Nummer eins. Für kein Geld der Welt würde ich dort spielen. Schalker hasse ich wie die Pest!“ Überflüssig zu erwähnen, dass Großkreutz auf Schalke nicht unbedingt zu den Publikumslieblingen zählt.

10. Spieltag: Im Zeichen des Derbys

Am zehten Spieltag steht das heiße Revier-Derby im Mittelpunkt und stellt alles andere in den Schatten. Außerdem gibt der Niederländer Gertjan Verbeek beim VfB Stuttgart sein Debüt als Club-Trainer. Bayern bekommt es mit Hertha BSC zu tun.

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Von gehissten Fahnen und geklauten Bannern
Im Winter 2010 ächzte das Dach der Schalke-Arena unter Schneemassen. So sehr, dass ein Teil davon riss und ein Trupp schwindelfreier Arbeiter anrücken musste, um es zu räumen. Einer dieser Männer erfüllte sich bei der Gelegenheit einen Lebenstraum: Er hisste eine BVB-Flagge auf dem Stadiondach des ärgsten Rivalen. Das Ganze rief in den verfeindeten Fanlagern sehr unterschiedliche Reaktionen hervor, wie man sich leicht denken kann. Den Königsblauen blieb ein Bauschaden im sechsstelligen Bereich und das ungute Gefühl, dass ganz Dortmund sich gerade vor Lachen die Bäuche hielt.

Jedoch: Die Schmach ließen die Schalker Fans nicht sehr lange auf sich sitzen. Im Sommer 2011 schlich sich eine kleine Gruppe ins Stadion der Dortmunder und brachte über dem Schriftzug „Gelbe Wand – Südtribüne Dortmund“ zwei Fahnen ihres Klubs an.

Reichlich Gesprächsstoff gibt es also schon vor Anpfiff des Revierderbys am Samstag um 15.30 Uhr. Dann wird sich zeigen, ob der Mythos des heißesten Spiels im Kohlenpott wieder um ein paar Anekdoten reicher wird.

Autor: Marcus Erberich

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